LDM ediert bislang nur den deutschen Minnesang vollständig. Daher sind bei Autoren, deren Œuvre überwiegend aus Sangspruchdichtung und/oder Leichdichtung besteht, lediglich die deutschen Minnelieder Teil der LDM-Edition. Dies gilt auch für den Marner. In der Konsequenz ist der nachfolgende Autorkommentar ganz auf den Marner als Minnesänger zugeschnitten. Für allgemeine und weiterführende Informationen insbesondere zur Spruch- und zur lateinischen Lieddichtung des Marners sei verwiesen auf Wachinger, Haustein sowie Willms.
Autor
Über die historische Person des Dichters ist kaum etwas bekannt. Indizien liefern, neben meistersängerlicher Legendenbildung, seine eigenen Gedichte sowie Gedichte von Zeitgenossen. Sprachlich gehört er in den oberdeutschen Raum, er muss Schulbildung erhalten haben (er dichtete auf Deutsch und auf Latein), vermutlich war er ein (fahrender?) Berufsdichter. Rumelant behauptet in seinem Nachruf, der Marner sei ermordet worden. Die in den Sprüchen manifesten Gönnerbeziehungen weisen ins mittlere 13. Jahrhundert, genauso wie die Polemik des Marners gegen andere Spruchdichter und jene dieser anderen Spruchdichter gegen ihn (unter anderem Reinmar von Zweter, der Meißner, abermals Rumelant). Der Name ›Marner‹ bedeutet ›Seemann‹ – ein Pseudonym?
Überlieferung
Deutsche (Minne‑)Lieder des Marners sind fast ausschließlich im C-Korpus (fol. 349v–354v; Korpustitel: d͛ marner) überliefert, und zwar an dessen Anfang: Nur ein Spruchton (vier Strophen: C 1–4) geht den Liedern voraus, ein weiterer unterbricht die Lied-Sequenz (drei Strophen: C 19–21). Die Lieder bilden die Strophenstrecken 5–18 sowie 22–36, 29 Strophen insgesamt, die sich zu acht Liedern gruppieren.
Die Autorminiatur in C (fol. 349r; Überschrift: Der Marner) zeigt einen sitzenden Mann mit stehendem Diener (?) links und einer Feuerstelle rechts, der Mann mit Mantel und (Wander‑?)Hut trinkt aus einem goldenen Krug, der Diener wärmt eine silberne Kanne über dem Feuer. Die Bildelemente verweisen auf Darstellungen des Januar. Helmzier am linken und Wappen am rechten oberen Rand dürften erfunden sein. Sie zeigen im oberen Bereich eine rote fünfblättrige Rose mit gelbem Butzen und grünen Kelchblättern auf Goldgrund, im unteren ein blaues Feld mit silbernem Querstreifen. An der Oberkante der Helmzier befinden sich sechs Hahnenfederbüsche (nach Walther, S. 236).
Lediglich eine einzige Strophe, nämlich die Strophe C 8, ist auch in P als Einzelstrophe (die dritte eines namenlosen Korpus) erhalten.
Werk
Der Marner ist in erster Linie ein produktiver, thematisch vielseitiger Spruchdichter (sieben zum Teil vielstrophige Töne, davon fünf eigene), dessen Töne und Texte in der Zeit des Meistersangs eine breite Nachwirkung entfalteten. Eine genaue Strophenzahl lässt sich nicht angeben, da in den Meistersang-Handschriften die Grenzen zwischen Textüberlieferung und Tonnachnutzung verschwimmen. Auch vier lateinische Lieder sowie eine lateinische Spruchstrophe (im Langen Ton) gibt es.
Die acht deutschen Lieder fallen thematisch in den Bereich des Minnesangs. Die ersten beiden Lieder des Korpus sind Tagelieder, das erste thematisch konventionell, das zweite in inhaltlicher Hinsicht exzentrisch. Die übrigen sechs Lieder gehören in den Bereich der Minnekanzone, sie erscheinen mehr oder weniger stark dem Konzept der Hohen Minne verpflichtet, das sie aber immer wieder erweitern oder konterkarieren, sei es durch eine Tanzszene (Lied III), durch frappierende Bildlichkeit und Metaphorik (Lied IV und VIII), durch ein eigentümliches Ineinander von Minnedidaxe, Minnereflexion und Minneklage (Lied IV, V, VI und VII), durch vagantenhafte Elemente (Lied VII) oder durch Sexualisierung (Lied VI bis VIII). Den Liedern eignet generell ein Hang zu Fröhlichkeit und Optimismus in Minnesachen; korpustypisch sind außerdem häufige Naturvergleiche oder Naturszenerien sowie eine Vorliebe für das Scheltwort unminne. Dass der auch lateinisch dichtende Marner in einigen dieser Punkte von der lateinischen Liebeslyrik seiner Zeit beeinflusst war, ist wahrscheinlich.
Formal sind sieben der acht Lieder streng gebaut. Der Strophenvergleich insinuiert, dass die Silbenzahl eines jeden Strophenverses festgelegt ist; es dominiert die regelmäßige Alternation betonter und unbetonter Silben, die aber an definierten Systemstellen der Strophe immer wieder von daktylischen Takten unterbrochen wird. Diese mutmaßlichen Kompositionsprinzipien sind in der Überlieferung weitgehend bewahrt. Lied II widersetzt sich diesen strengen Maßgaben ein Stück weit, seine Verse wirken in formaler Hinsicht lockerer gefugt, was nicht schlecht passt zur auch inhaltlichen Exzentrik des Liedes, doch genauso gut von der Überlieferung bedingt sein könnte. Ins Auge sticht korpusübergreifend die hohe Zahl sehr kurzer (oft auch nur einhebiger) Verse, wenn man den Reim zum Kriterium der Versgrenze erhebt. Es fehlt an klaren Indizien, um Verse mit Binnenreim oder Zäsur zusammenzuziehen, häufig gäbe es dafür auch mehrere Optionen. Die Editionstexte folgen daher hinsichtlich des Zeilenfalls den Reimklängen.
Florian Kragl