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Reinmar, ›Waz ich nuͤwer mere sage‹
E Reinm 94 (306)
I (work in progress)E Reinm 94 (306) = MF 165,10
Überlieferung: München, UB, 2° Cod. ms. 731, fol. 186rb
E Reinm 95 (307)
II (work in progress)E Reinm 95 (307) = MF 165,19
Überlieferung: München, UB, 2° Cod. ms. 731, fol. 186va
E Reinm 96 (308)
III (work in progress)E Reinm 96 (308) = MF 165,28
Überlieferung: München, UB, 2° Cod. ms. 731, fol. 186va
E Reinm 97 (309)
IV (work in progress)E Reinm 97 (309) = MF 165,37
Überlieferung: München, UB, 2° Cod. ms. 731, fol. 186va
E Reinm 98 (310)
V (work in progress)E Reinm 98 (310) = MF 166,7
Überlieferung: München, UB, 2° Cod. ms. 731, fol. 186vb

Kommentar

Überlieferung: Die insgesamt elf Strophen lassen sich in zwei Gruppen aufteilen, die über C Reinm 60 61 / E Reinm 117 118 miteinander verbunden sind:

[1] C Reinm 60 61 sind die letzten beiden Strophen eines im Reinmar-Korpus in C überlieferten sechs­stro­phigen Tonzusammenhangs, dessen erste vier Strophen (C Reinm 56–59) ebenfalls in ABE unter Reinmar stehen (in E zusätzlich ergänzt um eine dort unikal überlieferte Strophe).

[2] Die Strophen E Reinm 117 118 wiederum sind Teil eines im Reinmar-Korpus in E überlieferten sechs­stro­phigen Verbundes (E Reinm 114–119), dessen andere Strophen Parallelüberlieferungen im Reinmar-Korpus in AC haben sowie in der ursprünglich namenlosen Reinmar-Sammlung in B (s. Korpuskommentar zu B). Eine Strophe findet sich ferner als anonyme Einzelstrophe in I sowie I1. Zu jener Strophengruppe s. Liedkommentar.

Die Reihenfolge der überlieferten Strophen ist mit Blick auf die erste Gruppe im Handschriftenvergleich stabil; einzig in A sind die zweite und dritte Strophe vertauscht.

Die Strophen der ersten Gruppe werden in der Forschung mit der Reinmar-Walther-Fehde in Zusammenhang gebracht. Siehe zu jenem vermeintlichen Sängerstreit den Autorkommentar.

Form: .4a .6b / .4a .6b // 6c .7c .3d 5x .5d

Es liegen neunversige Stollen­stro­phen vor (mit Ausnahme der defekten fünften Strophe E V). Den fünften Vers ausgenommen ergeben je zwei Verse zehn Takte. Der c-Reim von B IV ist gestört. Abweichungen zeigen sich insbesondere in E. Ferner liegt kein Auftakt vor in A II / BC III,9. Überfüllt sind BC III,3 sowie BC IV,9.

Die Strophen der anderen Überlieferungsgruppe, die über C Reinm 60 61 / E Reinm 117 118 mit jenen dieser Gruppe verbunden werden, zeigen das gleiche Reimschema und insbesondere Parallelen im Aufgesang. Die metrische Gestaltung des Abgesangs dagegen variiert deutlicher (s. auch Formanalyse von Gruppe 2). Auffällig ist die metrische Form der die Gruppen verbindenden Strophen C Reinm 60 61. Diese Strophen stehen formal eher C Reinm 45–48 nahe als C Reinm 56–59: .4a .5*6b / .4a .5b // .5*6c .7c .4d .4x .5d.

Inhalt: Minneklage, deren zentrales Thema die Verteidigung des Sanges gegen den Vorwurf von Monotonie und fehlender Authentizität ist. {Liebertz-Grün #2280), S. 74, bezeichnet das Lied als »Metaminnekanzone, eine Reflexion über das für die Minnesangkanzone typische Gemisch aus objektsprachlicher und metasprachlicher Rede«.
(Die Strophennummerierung im Folgenden bezieht sich auf BCE.)

Der Sprecher ist nicht froh, also wird er auch keine nu̍we[n] mere[n] (C I,1) sagen – selbst wenn seine Klage die Freunde verdießt. So erleidet er den Schaden (durch die Abweisung der Dame) und den Spott (vermutlich durch die Freunde/Kritiker). Wenn er nicht bei der Herzenslieben liegen kann, hat er keine Freuden und kann niemanden erfreuen (vgl. Str. I).

Den Vorwurf einer unangemessen starken Klage weist der Sprecher zurück. Minneklage ist für ihn kein »Vorwand zur schönen Klagegebärde, [k]ein artistisches Spiel« (Schweikle, Sp. 1185); vielmehr beteuert er seine Aufrichtigkeit: Seine Dame ist ihm so lieb wie das Leben. So erdultet er ihre Ungnade und hofft auf einen guten Tag (vgl. Str. II).

In der nächsten Strophe zieht der Sprecher, »probeweise, ein anderes Register« (Hübner, S. 108) als das der Klage: Er gibt einen Frauenpreis, welcher gleichzeitig mit der Differenz von Signifikant und Signifikat spielt. So ist der erste Vers mehrdeutig; das Lob der Dame und ihres Namens (bzw. der Bezeichnung wip) gehen ineinnader über und kunstvoller Sang wird zum Spiegel für die Qualität des Besungenen (vgl. Str. III).

In der nächsten Strophe, für die Kasten, S. 846f., vermutet, dass Reinmar von einem Partimen zwischen den Trobadors Foulquet de Marseille und ›Tostemps‹ (vermutlich Raimon de Miraval) angeregt wurde (vgl. auch Kasten, S. 39–54), rückt wieder die Minneklage in den Mittelpunkt: Es ist ein Dilemma, an dem der Sprecher leidet: Soll er die Würdigkeit der Dame mindern oder erhöhen? Beides würde ihm Leid zufügen. Dieses Dilemma kann bezogen werden auf den Wunsch nach Erhörung: Wenn die Dame ihn (oder einen anderen Mann) erhören würde, würde sie an Idealität verlieren; gleichzeitig wünscht er sich die Zuneigung der so reinen Frau (vgl. Str. IV). Die so zum Ausdruck kommmende Widersprüchlichkeit im Wollen des Sprechers, bedingt durch die Verinnerlichung gesellschaftlicher Normen, bezeichnet Hausmann, S. 147, als »Verinnerlichungskonzeption«, welche er als eine Grundlage des Reinmarschen Minnesangs versteht. Eine andere Lesart des Dilemmas verfolgt Hübner: Aus seiner Perspektive bietet die Strophe eine Reflexion über die Macht des Sängers. Er kann, durch seinen Sang, die Wertschätzung der Dame mindern oder erhöhen. Doch: »Wer kein Glück in der Liebe hat, soll die Frauen auch nicht als Freudestifterinnen loben [...]. Reinmars ›Preislied‹ ist ein Antipreislied [...]. Am Ende bleibt nur die Klage, weil sie wenigstens ehrlich ist« (S. 112).

Die Zusatzstrophe in E beteuert schließlich nocheinmal die Aufrichtigkeit des Sprechers: Jedes Wort hat, bevor es ausgesprochen wurde, am Herzen gelegen (vgl. hierzu möglicherweise das Konzept vom verbum cordis bei Augustinus: Sprache im Herzen als Ebene jenseits der Lautsprache, auf der das Erkennen der Wahrheit möglich ist).

Zu den Zusatz­stro­phen in C (C Reinm 60 61) siehe den Liedkommentar zu E Reinm 117 118.

Sandra Hofert

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