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›Hiemali tempore‹ (M Namenl/90r 1 2 3 4) DruckerTEI Icon

Überlieferung

M Namenl/90r 1 2 3 4

Kommentar

Überlieferung: in M. Die deutsche Strophe entstammt dem ›Eckenlied‹ (siehe Anm. zu IV,1), sie gehört als einzige deutsche Strophe der Carmina Burana zur deutschen Epik, nicht Lyrik. M steht am Beginn der schriftlichen ›Eckenlied‹-Überlieferung und ist deren frühestes Textzeugnis. Die Strophe ist außer in M noch in vier weiteren Textzeugen, in zwei Handschriften und zwei Drucken, überliefert, dort stets als Teil des ›Eckenlieds‹ (vgl. die Synopse bei Brévart, Bd. 1, S. 3).

Form (lateinische Strophen): 7' 7' 7 7' 7' 7 / 7' 6 7' 6 / 7' 11' ‖ aabccb xdxd ee

Die schwankende Silbenzahl der Verse »ist wohl durch deutsche Messung nur nach Hebungen zu erklären« (CB/HS). Auftakt in I,2, I,4, I,9, II,5f., II,8, III,2, III,6, III,7 (Abvers) und III,8. I,4 (estuario) fügt sich in das Schema, falls ua als eine Silbe gesprochen wurde. Die lateinischen Strophen sind der deutschen Strophe sicher nachgedichtet, denn die Eckenliedstrophe ist wohl kaum von dem nur in M überlieferten CB 203 ausgegangen (vgl. Wachinger, S. 278).

Form (deutsche Strophe): .4a .4a .3-b / .4a .4a .3-b // .3+.3-c .4+.3-c / .4d .4+.3d

Es handelt sich bei der Strophenform, in leicht abgewandelter Gestalt, um den Bernerton (vgl. Heinzle, S. 100ff.). Die von Brunner rekonstruierte Melodie der Eckenlied-Strophe wird bei Korth, S. 135ff., 198 auch auf die lateinischen Strophen übertragen. Die Melodie ist identisch mit dem Meistersingerton ›Flammweise‹ (vgl. Brunner, S. 157ff.).

Inhalt: Geselliges Lied über das Würfelspiel. Die moralische Sentenz in I,9f. – den Reichen versklavt die Angst vor Verlusten, wovon der Besitzlose frei ist – kommt durch die verwendeten Antithesen bzw. Oxymora deutlich zur Geltung. Der moralisierende Gestus wird davon irritiert, dass sich der Sänger selbst zu den Zechern und Spielern rechnet; am Ende dominiert Komik die Darstellung, auch weil das Verhalten des Unglücksraben in III,5–10 dasjenige eines Geistlichen parodiert: Grund für die cutis [...] morbida ist freilich nicht frommer Verzicht, sondern Spielleidenschaft. Mehrfach wechselt das Lied die Sprecherperspektive. Jede Strophe endet mit einem sentenziösen Satz, eingeleitet durch die Interjektion (h)ei(a).

Das Verhältnis der lateinischen Strophen zur deutschen ist in der Forschung vielfach und kontrovers diskutiert (ursprünglicher Liedbeginn? Autorfunktion? parodistische Analogie eines handgreiflichen Konflikts? Rauferei?; zusammenfassend Kragl, S. 24f.). Dass die deutsche Strophe nur als Melodiegeber angehängt worden wäre, gilt als wenig wahrscheinlich. Der Kontrast zwischen der Komik und dem komischen Gegenstand der lateinischen Strophen einerseits sowie dem heldenepischen Gedicht und seinem todernsten Inhalt (dem Duell Eckes mit Dietrich) andererseits birgt seinerseits komisches Potential, wenngleich man sehen muss, dass das ›Eckenlied‹ selbst deutlich komisierende Züge aufweist.

Theresa Höf‌le / Florian Kragl

Kommentar veröffentlicht am 08.01.2026.
Gehört zu den Anthologien:
 M Namenl/90r 1 = CB 203,1Zitieren
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Codex Buranus (München, BSB, Clm 4660), fol. 90r
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 IV
 
 
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